
Mich hat schon immer die Fähigkeit der Menschen fasziniert, sich in eine fiktive Welt zu versetzen. Das geschieht über Literatur, Filme, Theater und andere Kunstformate. Für eine gewisse Zeit treten Realität und Alltag in den Hintergrund, während man vollständig in eine andere Welt eintaucht.
Das gelingt zum Beispiel mit Online-Videospielen oder Pen-and-Paper-Rollenspielen – beides ist allerdings nicht besonders leicht zugänglich. Deshalb wollte ich einen Weg finden, ein ähnliches Erlebnis unkompliziert, ohne Technik und ohne komplexe Regeln zu ermöglichen.
Noch intensiver wird dieses Erlebnis jedoch, wenn man eine spannende Geschichte nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen erfährt. Durch das Teilen von Emotionen, Vorstellungen und Reaktionen entsteht eine ganz eigene Dynamik, die das Erlebte lebendiger und unmittelbarer macht.
Irgendwann kam mir die Idee, dass gemeinsames Vorlesen eine Gruppe ebenfalls sehr gut in eine andere Welt hineinziehen kann. Da es keine speziell für das Vorlesen geeigneten Texte gab, begann ich, selbst solche Geschichten zu schreiben. So entstand ein neues Literaturformat – die Rollennovellen.
Das liegt daran, dass klassische literarische Werke fürs stille Lesen geschrieben wurden. Die Schriftsteller haben nicht darüber nachgedacht, ob es Spaß machen sollte, den Text in einer Gruppe vorzulesen.
Der Erzähltext kann mehrere Seiten umfassen, in den Dialogen hat die Hauptfigur weit mehr Sprechanteile als alle anderen Charaktere zusammen, und ein ganzes Kapitel kann aus rein philosophischen Überlegungen bestehen.
Um solche Texte kollektiv vorzulesen, müsste man die Textstellen künstlich aufteilen – und das Vorleseerlebnis wäre trotzdem nicht optimal.
Ein Theaterstück wäre grundsätzlich besser für das Literatur-Karaoke geeignet, allerdings sorgen Nebenfiguren mit wenig Sprechanteil und lange Monologe der Hauptcharaktere dafür, dass die Rollen ungleich verteilt sind.
Deswegen habe ich die Rollennovellen erfunden. Dieses Format ist speziell fürs Vorlesen in einer kleinen Gruppe von 3–6 Menschen konzipiert. Die Rollentexte sind relativ gleichmäßig verteilt.
Ich habe dafür sogar eine Regel formuliert: Die Rolle mit dem längsten Text darf nicht mehr als dreimal so viele Wörter enthalten wie die Rolle mit dem kürzesten Text. Außerdem müssen sich die Rollen regelmäßig abwechseln.
So entsteht eine Dynamik, bei der alle Vorleser*innen von der ersten Seite bis zum Finale aktiv in die Geschichte eingebunden sind.
Und damit der Prozess nicht zu aufwendig wird, dauern die Rollennovellen meistens 20–40 Minuten – so können bei jedem Literatur-Karaoke-Event 2–3 Rollennovellen vorgelesen werden.






